I N T E R V I E W S

The Raging Honkies - "Bonerfied"

The Raging Honkies aus LA sind Michael Landau (g, voc), Bruder Teddy Landau (bs) und Abe Laboriel jr (dr). Schon 1995 erregten sie mit ihrem Debuet "We Are The Best Band"  weltweite Aufmerksamkeit. Die Kritiken der einschlaegigen Musikerzeitschriften  in den USA und Europa waren sich einig, es mit einem musikalischen Juwel zu tun zu haben. Mit neuem Deal und der neuen CD "Boner" moechten die Honkies endlich ihr "Musicians-Musician"-Image loswerden.

VON CHRISTIAN TOLLE

Das ist natuerlich ein schweres Unterfangen. Gerade Mike Landaus Popularitaet  basiert auf einer ueber 15 Jahre waehrenden Karriere als Sessionmonster (in LA  heisst er nur "The Man"!). Aber bei den Honkies zaehlt das alles nicht! Auf "Boner" zeigt das Trio Fans polierter Popmusik zum zweiten mal die Zaehne: Elf energetische Punkrock-Nummern , die im Unterschied zum Debuet kompakter und weniger verspielt wirken, lassen das erklaerte Ziel erreichbar erscheinen. Denn keine andere Band verbindet Koennen und Virtuositaet mit solchen Gassenhauern wie The Raging Honkies auf "Boner"! Nach einem Gig in Hollywood und bei einem  zweiten Treffen ein paar Tage spaeter sprachen Mike, Teddy und Abe jr. ueber die Deutschland-Tour, "Boner" und einige interessante Neuigkeiten.

Im November 1995 seid Ihr in Deutschland auf Clubtour gewesen. Welche  Erinnerungen habt Ihr daran?

(Abe) Gute, obwohl es fuer uns und etwa ein Drittel der Leute im Publikum  verwirrend war. Wir wurden an einigen Orten ungluecklicherweise als die  Super-Studio-Cracks angekuendigt, so dass manche wohl perfekte Popmusik von uns erwartet haben. Wir sind aber alles andere als eine klinische Popgruppe...

(Mike) Der Erfolg der Tour liegt in meinen Augen darin, dass diese, zunaechst  skeptischen Leute, trotzdem geblieben sind und uns mit offenen Ohren empfangen haben. Wir haben sie mit unserer Show ueberzeugt, obwohl sie etwas voellig anderes erwartet haben.

(Teddy) Ich erinnere mich noch gut an die beiden Gigs in Muenchen und Bochum.  Die waren phantastisch. Das Publikum ist dort richtig mitgegangen und hat damit  auch uns mitgerissen - definitiv die beiden besten Gigs der Tour.

Nicht nur waehrend der Deutschland-Tour, auch nach dem Gig hier in Hollywood bleibt festzuhalten, dass Ihr sicherlich auch zu den lautesten Bands ueberhaupt  gehoert. Mit Absicht?

(Mike) (voller Begeisterung) Yeeessss...

(Abe) Hahaha, wir wollen die Leute natuerlich nicht verletzen, aber  Lautstaerke ist Bestandteil unseres Sounds. Die Energie und die Dynamik soll schon rueberkommen, sonst klingt`s einfach zu soft.

(Teddy) Witzigerweise habe ich sogar bei unseren Akustikshows Leute gesehen, die Ohrenstoepsel benutzt haben.

(Abe) Wirklich? Hahaha... Da waren wir nun wirklich nicht laut.

Auf der neuen CD "Boner" faellt eine Entwicklung auf: Die Songs sind einfacher gehalten und man hat das Gefuehl, dass der Sound kompakter, bandorientierter ist...

(Abe) Das liegt daran, dass wir bei "We Are The Best Band" die endgueltige Musik aufgenommen haben, ohne auch nur eine einzige Textidee zu haben. Mike  musste die erst noch schreiben und auf die bereits aufgenommene Musik abstimmen.  Diesmal haben wir alles zusammen komponiert. Fuer mich klingt das Album daher  geschlossener, wie ein roter Faden. Ausserdem wollten wir so einfach wie  moeglich spielen, die Statements als Musiker nachvollziehbar halten, anstelle  jede sich bietende Gelegenheit auszufuellen, um sein Koennen am Instrument zu demonstrieren.

(Mike) Unser Hauptinteresse gilt den Songs. Wir sind zwar alle sehr zufrieden  mit unseren Faehigkeiten an den Instrumenten, aber wir sind noch sehr junge  Songwriter. Das war eine Herausforderung.

(Teddy) Cool, dass du die Songs einfacher findest. Einer meiner  Lieblingssongs ist "Alien", einer von Mikes Songs. "Alien" wirkt nur einfach,  ist es aber nicht. Dieser gelungene Spagat macht den Song fuer mich perfekt.

"Mary Lou" zum Beispiel ist tatsaechlich simpel, denn Strophe und Refrain  bestehen aus einem Part, der in seinem Arrangement variiert wird und daraus  seine Abwechslung zieht.

(Abe) Das ist Teddys Song. Der kam auf witzige Weise zustande, denn als wir  ihn einstudierten, spielte ich mit schraegem Timing, voellig unbeabsichtigt: "Wo  ist die Eins im Takt, wen kuemmert`s", hahaha....

Also unterliegt das Songwriting keinem bestimmten Konzept, oder?

(Abe) ueberhaupt keinem! Jeder von uns schreibt Songs. Entweder sind die Ideen schon fertig ausgearbeitet, oder wir schmeissen unsere kleinen Einfaelle und Riffs zusammen und entwicklen den Titel gemeinsam.

(Teddy) Mikes Songs sind meistens schon fertig, dann spielt Abe aber einen anderen Drumpart darauf, ich eine eigene Basslinie. Durch diese kleinen  Unterschiede kommt unser gemeinsamer Sound zustande - eben wie bei "Mary  Lou"

(Abe) Die Interpretation ist Teil des Songwritings, wo individueller Einfluss  zum Tragen kommt. Gluecklicherweise respektieren wir unsere Ideen und probieren  zumindest alles einmal aus, bevor wir etwas wieder verwerfen.

(Teddy) Das kann auch schon mal hart sein, so nach dem Motto: "Hey, lasst uns  dieses Riff mal proben, daran habe ich gestern lange gegruebelt". Also spielen wir es, danach fangen alle an zu lachen und wir wissen, dass wir damit keinen neuen Song schreiben koennen. "Ok, ich gehe dann mal Bier holen", hahaha...

Ich mag besonders "She Gives Her Everything". Mike, deine stimmlichen  Qualitaeten haben sich nicht nur bei diesem Song merklich gesteigert. Hast du Unterricht oder aehnliches genommen?

(Mike) Die Basictracks haben wir in einem anderen Studio aufgenommen. Fuer die Vocals haben wir mein Heimstudio benutzt, so dass ich viel Zeit zum  Experimentieren hatte, wesentlich mehr als bei den Aufnahmen zu "We Are The Best Band". Da habe ich den Gesang sehr zuegig aufgenommen und vorher ja auch noch  nie gesungen. Einen Lehrer hatte ich aber nicht. Durch die vielen Gigs und das Analysieren von unseren Live-Tapes habe ich eine Menge gelernt. Das hat mir fuer "Boner" geholfen, gesangliche Fehler zu vermeiden.

Hast du nie deine Stimme verloren? Eine falsche Technik kann doch die Stimme schnell ruinieren.

(Mike) Nur einmal. Da war ich ohnehin erkaeltet, die PA war scheisse und ich musste die ganze Zeit schreien. Fuer ein paar Tage war die Stimme weg. Ich war mir auch sicher, dass ich waehrend der Deutschland-Tour 95 stimmliche Probleme  bekommen wuerde. 12 Gigs hintereinander im Winter sind da ein harter Test. Aber es ist zum Glueck nichts passiert.

Nochmal zur neuen Scheibe: Nicht nur die Musik zeigt die Entwicklung zur einfachen Struktur, auch die Produktion hat einen kraftvollen Live-Charakter mit  wesentlich weniger Overdubs als noch auf dem Debuet...

(Mike) Yeah! Bei den Overdubs haben wir uns sehr zurueckgenommen, nicht mehr als zwei auf jedem Song, bei manchen sogar keinen einzigen. Das liegt daran,  dass wir diesmal alle Songs schon vor den Aufnahmen ausgiebig live gespielt  haben, so dass sie auf diesem Wege ihren endgueltigen Schliff bekamen. Im Studio  mussten wir nur die Aufnahme-Taste druecken.

(Teddy) Das war bei dem Debuet eben genau anders herum. Die Arrangements haben wir da im Studio ausgearbeitet, und danach sind wir damit aufgetreten.

(Mike) "Boner" zeigt die natuerliche Entwicklung, wie wir als Band zusammengewachsen sind.

Diesmal hat Produzent Chris Lord-Alge nicht nur gemischt, sondern von Anfang an die Regler bedient. Welchen Einfluss hatte er auf "Boner"?

(Mike) Chris hat die Rhythmus-Tracks mit uns aufgenommen und das Album gemischt. Es ist gut, wenn man jemanden dabei hat, der auf``s Tempo und solche  Dinge achtet, waehrend wir spielen. Die wenigen Gitarren- und Gesangsoverdubs  habe ich allein mit einem Tontechniker eingespielt.

Konntest du von Chris Lord-Alge in puncto Aufnahmetechniken noch etwas lernen, Mike?

(Mike) Oh, es ist unmoeglich, ihm zu folgen. Er dreht am Mischpult wie ein Octopus. Alles geht wahnsinnig schnell. Aber ich weiss, wie man einen guten Gitarrensound oder gute Vocals auf`s Band bekommt. Meistens stelle ich nur den Pegel ein und veraendere am EQ nichts. Meine Arbeit besteht nur darin, die Gitarrenoverdubs und Vocals im richtigen Pegel aufzunehmen. Chris kann dann im  Mix am Pult den EQ veraendern.

Dein Gitarrensound ist auf "Boner" viel direkter und kraeftiger als noch auf "We are The Best Band". Bist du diesmal anders vorgegangen?

(Mike) Ja, ich wollte, dass die Platte trockener - "in your face" - klingt.  Noch auf "We Are The Best Band" setzte ich Echos und Hallraeume fuer die  Gitarrensounds ein, was ich diesmal konsequent minimiert habe. Darueber haben  wir auch mit Chris (Lord-Alge) gesprochen, bevor er das Album gemischt hat.

Wie nimmst du die Gitarre im Studio auf?

(Mike) Ich benutzte fuer fast alle Tracks das Custom Audio Electronics 100 Watt-Topteil von Bob (Bradshaw). Fuer einige wenige Parts habe ich auch meinen  alten 100 Watt Marshall verwendet. Die laufen beide ueber eine Marshall 4x12"-Box mit Celestion-Vintage-30. Abgenommen wurde die Box mit nur einem Shure SM 57, das sehr nah an der Box positioniert war. Schliesslich stand meine  Gitarrenbox und Teddys Bassanlage in einem, winzigen Raum, so dass wir die Boxen  gar nicht anders abmiken konnten.

Wie koennt Ihr diese Spannung zwischen Musiker und Publikum bei einem  Live-Gig auch im Studio einfangen und aufs Band bringen?

(Mike) Abe spielt immer wie ein Tier, egal ob ein oder 1000 Zuschauer im Raum  sind. Ich versuche einfach in die richtige Stimmung zu kommen, den Vibe der  Musik aufzunehmen. Natuerlich ist es mit einem Publikum leichter, aber keiner  von uns ging mit dem Kopf an die Aufnahmen heran. Wir spielen einfach drauf los und denken nicht gross darueber nach.

Du hast mir mal erzaehlt, dass dich deine alltaegliche Arbeit als  Sessiongitarrist des oefteren frustriert. Wuerdest du sagen, die Raging Honkies bieten dir ein Forum, um sich den Frust von der Seele zu spielen?

(Mike) Hahaha, ja manchmal. Aber ich liebe diese harte Musik und ich komme leicht in eine Stimmung, die mir eine emotionale Performance ermoeglicht.

Erst kuerzlich waren Jeff Beck und Steve Lukather bei einem eurer Gigs im  Troubadour, wie fanden sie`s?

(Mike) Yeah! Luke produziert die neue Jeff Beck-Platte, die sie in Lukes Studio, dem "Steakhouse", aufnehmen werden. Da sie fuer die Vorbereitungen gerade in LA waren, haben wir sie eingeladen, vorbeizuschauen.

(Teddy) Als sie nach der Show Backstage mit uns sprechen wollten, hat der  Ordner sie nicht durchgelassen, weil sie keinen Pass hatten...

(Mike) Die Security-Ordner dort sind gehirnlose Affen. Luke und Jeff waren ziemlich angepisst. Luke meldete sich aber am naechsten Tag und kuendigte an, dass Jeff Abe fuer sein neues Album haben wollte.

Wow, da wirst du wohl nicht zoegern, Abe, oder?

(Abe) Das ist schon eine Riesensache. Sein Angebot hat mich wahnsinnig gefreut und es ist eine Ehre fuer mich, mit Jeff zu spielen. Er hat so lange keine Platte mehr gemacht, weil es ihm an Inspiration mangelte. Mit Luke hat er einen Freund, einen Bewunderer und einen der besten Musiker fuer seine Sache am  Start. Jeff ist selbst ganz heiss auf die Aufnahmen. Wahrscheinlich wird die  Rhythmussektion mit Pino Palladino komplettiert.

Mike, auch du bist noch mit anderen Projekten beschaeftigt. Ich hoerte, du arbeitest zur Zeit an einem Nachfolger zu deiner Soloplatte "Tales From The  Bulge" (Smashed Hits/IRS), stimmt das?

(Mike) Ja, ich bin gerade dabei ein neues Album in dieser Fusion-Richtung zu produzieren. Das meiste werden Instrumentalsongs sein, vielleicht auch der ein  oder andere Song mit Gesang. Wahrscheinlich dauert es aber noch bis zum Sommer, bis es fertig sein wird. Ich kann mir immer nur zwischen den Sessions und den  Honkies Zeit dafuer nehmen. Immerhin sind schon zwei bis drei Songs im Kasten.

Weisst du schon, wer auf der Platte spielen wird?

(Mike) Toss Panos (war mit Steve Vai fuer die Sex&Religion-Tour in Deutschland, Anm. d. Verf.) hat einen Song eingetrommelt. Teddy und Abe werden  natuerlich zu hoeren sein, Jimmy Johnson, Vinnie Colaiuta, jede Menge Leute. Mal schauen, ob ich eine Hornsektion ins Studio holen werde...

Als wir uns 1993 das erste mal trafen, erzaehltest du mir, du waerst an einer  weiteren Fusion-Soloplatte nicht interessiert. Woher kommt der Sinneswandel?

(Mike) Ja, ich weiss. Aber ich habe wieder Songs in diese Richtung geschrieben. Es scheint, dass ich jedesmal, wenn ich zu sehr in eine Richtung  tendiere, automatisch wieder etwas anderes mache, um die Balance nicht zu verlieren. Das ist fuer mich selbst oft verwirrend. Vielleicht ist es auch nicht gut. Aber in meinem Herzen schlaegt nun mal die Begeisterung fuer so viele unterschiedliche Musikrichtungen.

Letzte Frage: Gibt es schon Plaene fuer eine zweite Tournee der Raging Honkies in Deutschland?

(Abe) Ja, hoffentlich klappt es schon im Fruehjahr.

(Teddy) Wir werden alles versuchen, um moeglichst bald bei euch zu spielen.

"Boner"-Equipment:

Mike:

Amps:

-Custom Audio Electronics 100 Watt Topteil

-Marshall 100 Watt Topteil

-Marshall 4x12"-Box mit Celestion 12"-Vinatge-30

Effekte:

Bradshaw Switching System mit

-Custom Audio Electronics Pedalboard

-Custom Audio Electronics Wah-Wah

-Custom Audio Electronics Super Tremolo

-Custom Audio Electronics Black Cat Univibe

-Ibanez Tube Screamer

-Ibanez Flanger

-Tycobrahe Octavia

-Roger Mayer Voodoo-1

-Boss Chorus

Gitarren:

-Tyler (neues) Landau-Model (Erlenbody, Palisandergriffbrett, Seymour  Duncan-& Lindy Fralin-Pickups, Wilkinson Vintage-Vibrato)

-Tyler Landau-Model (pychodelic Vomit)

-Tyler Classic

-69er Fender Straocaster

-64er Fender Stratocaster

Teddy:

Amps:

-SWR Combo

-Ampeg SVT-Topteil

-8x10"-Ampeg-Box

Effekte:

-Roger Mayer Voodoo Bass

-TC Electronics Chorus/Flanger

B"sse:

-Tyler Custom Made

-2x Fender Jazz Bass (mit Seymour Duncan Pickups)

Abe:

-dw 26"-Bassdrum

-dw 22"-Bassdrum

-dw Snare

-dw-H"ngetom

-dw18"-Standtom

-Paiste 18"-Hihat

-Paiste 20"-Crash

-Paiste 20"-Ride

Wer noch mehr Informationen zu Michael Landau und den Raging Honkies sucht,  wird im FB 1/94 und FB 8/95 fuendig.

Discographie:

We Are The Best Band (Smashed Hits/IRS),

Boner (Intercord).